Die Kanadier halten die Fahne der Freiheit in der Welt aufrecht, ihr Land ist eine Bastion des Liberalismus. Aber versuchen Sie mal, in Kanada eine Flasche Wein zu kaufen. Da stoßen Sie schnell an Mauern, Schlösser und Verbotsschilder.

Das Land, das soeben Cannabis legalisiert hat, stellt sich mit Alkohol erstaunlich pingelig. Die Feldforschung im nächsten Supermarkt ergibt harte Befunde: Zu kaufen gibt es dort gerade drei Flaschen Wein. Der Rote ist dünn, der Chardonnay ist alkoholfrei und mit dem französischen Landwein will man sich nicht blicken lassen. Darf man auch nicht, denn schon das sichtbare Tragen alkoholischer Getränke kann strafbar sein.

Die Geschichte des Alkohols in Kanada erzählt von Verbotskultur und Kontrollwahn, von Staatswirtschaft und Steuersprudel. Denn das Land hat guten Wein – aber nur in den staatlichen Verkaufsstellen. Kanada will wissen, was seine Bürger trinken – und verkauft es ihnen am besten gleich selbst. Die Ursprünge dieser Praxis liegen in der Zeit der Prohibition, die wiederum ihre Ursprünge in der puritanischen Tradition der einstigen Kolonie hat. Die frühen neuzeitlichen Siedler Nordamerikas waren gottesfürchtige und tüchtige Menschen – und alles mit dem Bann belegten, was ihre Tugend herausforderte. In den späten 20er Jahren verboten sie den Alkohol ganz. Heraus kamen ein blühendes Schmuggler-Business und noch mehr Suff als zuvor.

Mit Kanadiern debattiert man nicht beim Bier, man debattiert über Bier. Grundsätzlich finden die Kanadier ihre restriktive Alkoholpolitik logisch und wundern sich, dass Deutschland es nicht ebenso macht. Ein Hausarzt zählte mir beim Abendessen die Risiken des Trinkens auf und erzählte dann, wie er sich als Student einmal in Deutschland dermaßen betrank, dass er ins Krankenhaus musste. Damals war er 18 und durfte in der Heimat noch nicht trinken – jedenfalls nicht in Toronto, denn die Provinz Ontario erlaubt Alkohol erst ab 19, während andere Provinzler schon ab 18 dürfen. Das macht die Sache kompliziert.

Grundsätzlich regelt jede der 10 Provinzen ihr Alkohol-Regime nach eigenem Gusto. In Quebec gibt es Bier im Supermarkt, in Ontario nur im staatlichen „Liquor Control Board“ (LCBO). Dieser Quasi-Intershop für Bier und Wein ist verschrien für spärliches Angebot und schlechten Service – macht aber Milliarden. Das Geschäft mit dem verpönten Genuss ist so oder so ein gutes – das die Provinzen lieber selbst machen. British Columbia hat letzthin sein Gesetz gelockert. Dort dürfen Restaurantgäste ihre nicht ausgetrunkenen Weinflaschen neuerdings mitnehmen – aber nur versiegelt und im Kofferraum.